Sunday, 21 September 2014

Bundesvision Song Contest 2014: Wurstigkeit und Werbeblöcke

Bundesvision Song Contest 2014: Pop aus allen BundesländernBei der zehnten Ausgabe von Stefan Raabs Bundesvision Song Contest offenbarte sich das ganze Elend der deutschen Popmusik.
Wie war das nochmal damals, vor zehn Jahren? Max Mutzke erklärte es irgendwann im Verlauf der vierstündigen Jubiläumsshow des Bundesvision Song Contests gerne: Als Stefan Raab und er, der Gewinner des TV-Castings "SSDSGPS" ("Stefan sucht den Super-Grand-Prix-Star") 2004 beim Eurovision Song Contest in Istanbul nur den achten Platz belegten, entstand aus Frust der Plan, den Sängerwettstreit auf nationaler Ebene zu veranstalten: Statt europäische Staaten, sollten die 16 Bundesländer mit regionalen Nachwuchs-Bands gegeneinander antreten.
Es war eine sehr gute, tollkühne Show-Idee wie sie in Deutschland nur Stefan Raab hat. Doch der zehnte Bundesvision Song Contest, den ProSieben am Samstagabend aus der Lokhalle in Göttingen übertrug, zeigte leider: Quotendruck und Ökonomie haben aus der einst trotzigen Absage an die Mauscheleien und Ödnisse des Euro-Grand-Prix ein ebensolches Testament der Langeweile und des Marktkalküls gemacht. Eine Farce, die kaum noch Unterhaltungswert hat. War klar, wer gewinnen würde
Man muss nur den Anteil echter Nachwuchstalente betrachten: Die Indierock-Band Duerer aus Thüringen und der Balladenbarde Sebastian Hackel aus Sachsen waren die einzigen Künstler unter den 16, die noch keinen Plattenvertrag mit einem Majorlabel oder einer erfolgreichen Indie-Firma besitzen. Mit Abstrichen gehören zu dieser Minderheit auch die Brandenburger R&B-Sängerin Kitty Kat, die allerdings schon zum zweiten Mal versucht, eine Karriere zu starten, der am Ende ebenso glücklose Rockabilly-Rapper Sierra Kidd aus Niedersachsen und die vielleicht etwas zu abgebrüht auftretende, aber unbedingt sympathische HipHop-Crew Inglebirds aus dem Saarland.
Alle anderen Acts des Abends wurden von ihren Labels ins Feld geschickt, um wertvolle Bildschirmzeit zu sammeln, einige, Karikatur der Grundidee des Contests, waren sogar schon zum zweiten Mal dabei. Die meisten Künstler, sechs an der Zahl, konnte Sony Music und das zugehörige Label Four Music platzieren, allesamt weitgehend etabliert und charterprobt: Revolverheld, Marteria, Jupiter Jones, Miss Platnum, Ok Kid und Max Mutzke. Dazu kamen die frischen, von Universal unter Vertrag genommenen Nordlichter Tonbandgerät, der Warner-Veteran Maxim, der Radio-Darling Andreas Bourani (Universal) sowie der vom Cro-Label Chimperator gepushte R&B-Sänger Teesy.
Das Ergebnis des "Bundesvision Song Contest" 2014:
1. Platz: Revolverheld, Bremen (180 Punkte)
2. Platz: Jupiter Jones, Rheinland-Pfalz (124 Punkte)
3. Platz: Teesy, Sachsen-Anhalt (102 Punkte)
4. Platz: Marteria, Mecklenburg-Vorpommern (101 Punkte)
5. Platz: Tonbandgerät, Schleswig-Holstein (87 Punkte)
Das Problem: Je mehr Charts-Künstler teilnehmen, desto weniger Chancen hat der Nachwuchs. Vor zwei Jahren traten Superstar Xavier Naidoo und Rapper Kool Savas gemeinsam als XAVAS auf - und gewannen. Zuvor war es der populäre Graf von Unheilig, im vergangenen Jahr holte der erfolgreiche Popsänger Bosse den Sieg. Besonders infam: Damit die Fernsehzuschauer möglichst lange auf ihren Lieblingsact warten müssen, treten die größten Stars beim BuVISoCo zumeist ganz zum Schluss auf. Dieses Jahr waren es Revolverheld aus Bremen mit ihrem Popschlager "Lass uns gehen". Und damit war dann eigentlich auch schon klar, wer gewinnen würde.
So viel durchschaubare Quotenhuberei macht jedes Spannungsmoment zunichte. Die Einschaltquote war seit der ersten Show im Februar 2005 von 3,23 Millionen Zuschauern auf magere 1,29 Millionen im vergangenen Jahr geschrumpft. Zwar bekam Raab für seine Jubiläumsausgabe mal wieder den Samstagabend, dafür waren die Sparmaßnahmen deutlich erkennbar: Auf eine weibliche Co-Moderatorin verzichtete Alleinunterhalter Raab ebenso wie auf besonders aufwendige Bühneneffekte - und zu gewinnen gab es für die Anrufer, die für ihr Votum immerhin 50 Cent pro Anruf berappen mussten, lediglich einen mickrigen Kleinwagen, Wert: 15.000 Euro. Ein Witz im Vergleich zu dem Jaguar, den ProSieben den Gewinnspiel-Teilnehmern der weitaus erfolgreicheren Show "Schlag den Raab" gönnt.
Man wünscht sich fast die Ekelband herbei
Da nützte es auch nichts, dass Raab sich diesmal alle auftretenden Künstler zuvor an einem Wochenende ins Studio geladen hatte, um mit ihnen herumzublödeln und zu improvisieren, wie es der US-Talker Jimmy Fallon kongenial in seiner "Tonight Show" vormacht. Doch leider versteht es die Dampfwalze Raab nicht wie Fallon, sich zurückzunehmen und sich aufs Akzentuieren zu beschränken: Er muss eben doch immer wieder beweisen, dass er der Boss und der Bessere ist. Die Künstler, die ihren Gastgeber regionale Geschenke - Bier, Fischbrötchen oder Aal - mitbrachten, konnten einem fast leidtun, so wenig erfuhr man über sie, während Raab sich hampelnd, rasselnd und feixend produzierte.
Dann wiederum konnte man froh sein, dass es Raab mit seinen lustigen Verhaspelungen und Versprechern gab, denn er war das Einzige, was einem vom Einschlafen zwischen den zahlreichen Werbeblöcken abhielt. Da ProSieben (wie ARD und ZDF) dem TV-Publikum zur besten Sendezeit offenbar weder Lautstärke noch anspruchsvolle, sperrige Musik zumuten will, wurde bis auf wenige Ausnahmen (Tonbandgerät, Teesy) genau der weinerliche, wurstige, saft- und kraftlose Befindlichkeits-Schmonz geboten, der ohnehin schon alle Kanäle verstopft - mal mit Schlager, mal mit HipHop, mal zaghaft rockend, aber in der Hauptsache so künstlich mit Bedeutung aufgeblasen wie der am Ende zweitplatzierte Song "Plötzlich hält die Welt an" von Jupiter Jones. Da wünschte man sich fast eine gestandene Ekelband wie Pur herbei - die wollten einst wenigstens noch ins Abenteuer-, nicht ins Langeweileland.

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